Die Lourdes-Grotte

Seit bald 100 Jahren besteht die versteckte Lourdes-Grotte in Wilen. Dort finden regelmässig Rosenkranzgebete statt. Auch Besucher aus dem In- und Ausland suchen den kleinen Pilgerort oft auf.

Still ist es, nur das Rauschen der hohen Bäume und vereinzelt Vogelgezwitscher ist zu hören. Geräusche der einige hundert Meter entfernten Autobahn sind fast nicht wahrnehmbar. Die alten, hohen Buchen bilden eine natürliche Kuppel, sie spenden Schatten und schützen die weinroten Bänke vor Nässe. Hinter einem kunstvoll bearbeiteten Absperrzaun aus Eisen befindet sich die Lourdes-Grotte, eine kleine Höhle aus grossen, rauen Steinen gebildet. In ihrem Zentrum steht eine weisse Marienstatue mit gefalteten Händen und einem Rosenkranz am Arm, umringt von buntem Blumenschmuck und weissen Kerzen. Zu Füssen der Madonna, inmitten des Blumenmeers, steht eine kleine Jesus-Statue, auf der Seite befindet sich eine Figur der heiligen Bernadette, der in Lourdes die Jungfrau Maria erschienen war.

Zu erreichen ist das bald 100-jährige «Gröttli», wie es im Dorf genannt wird, über ein Kiessträsschen von der Fichtenstras! se oder vom Kirchweg aus.

Extra aus Amerika angereist

Heute wird die Lourdes-Grotte vor allem für die traditionelle Maiandacht und die Herz-Jesu-Liturgie im Juni benützt. Nach Auskunft der Rosenkranz-Vorbeterin Helen Müller nehmen daran jeweils zwischen 15 und 30 Leute teil. «Ein ordentliches Grüppchen», freut sie sich. Schon als Kind sei sie gerne in das «Gröttli» gegangen, erinnert sich die 86-Jährige. Das ist bis heute so geblieben «Diese heilige Stätte in unserer Nähe hat es mir einfach angetan, ich gehe oft und gerne an diesen schönen Ort», sagt sie. Einfach in stiller Andacht dasitzen, beten und die Ruhe pflegen, das gefalle ihr. Auch der 52-jährige Erwin Peter, in Wilen aufgewachsen und heute in Walisellen wohnhaft, erinnert sich gern an die kleine Lourdes-Grotte: «Als besonders schön empfand ich die Ruhe, die an diesem Ort herrschte. Bevor die Autobahn gebaut wurde hatte diese Stille fast etwas mystisches an sich.»

Gepflegt wird die Anlage seit einigen Jahren von Arthur Wiesli. Schon dessen Vater Josef Wiesli hat sich 34 Jahre um das «Gröttli» gekümmert und war Vorbeter der Rosenkranzgebete. Auch für Arthur Wiesli bedeutet die Stätte etwas ganz Besonderes. Oft begegnet er Menschen, die den stillen Ort aus den verschiedensten Gründen aufsuchen: «Immer wieder kommen Leute, die krank sind oder in einer Lebenskrise stecken in die Lourdes-Grotte um zu beten.» Vor einiger Zeit habe er eine ältere Frau aus Amerika angetroffen, die in ihrer Jugendzeit einmal herkam. «Jetzt ist die Frau unheilbar krank, und irgendwann in der Nacht hat sie sich an das <Gröttli> erinnert und verspürte den Wunsch, nochmals hierherzukommen», erzählt Arthur Wiesli. Gerade weil immer wieder Gläubige, die nicht ortskundig sind, die Grotte aufsuchen wollen, hat er einen Wunsch: «Schön wäre es, wenn man im Dorf einen Wegweiser anbringen würde.»

Über die Entstehung ist wenig bekannt

Informationen über die Entstehung der kleinen Lourdes-Grotte sind nur spärlich. Einigen Aufschluss geben Notizen des früheren Wiler Kinderpfarrers Paul Lengg. Ihm zufolge unternahm das Wiler Geschwisterpaar Maria Louise und Maria Barbara Strässle, welches ein Textilgeschäft in der Wiler Altstadt führte, im Januar 1911 eine Lourdes-Wallfahrt. In einem besonderen Anliegen – Näheres dazu ist nicht in Erfahrung zu bringen – versprachen die Schwestern, an einem geeigneten Ort in der Nähe von Wil eine Grotte mit einer Muttergottes-Statue aus Lourdes einzurichten. Gemäss Paul Lengg hat dabei «ein Ortsbewohner, der ebenfalls dabei war, seinen Einfluss ausgeübt, dass Wilen heute im Besitze dieser geweihten Stätte ist.» Einheimische Handwerker haben mitgeholfen, die Grotte auszuheben.

Am 8. Oktober 1911, dem Rosenkranztag, wurde die Lourdes-Grotte durch Kinderpfarrer Alfons Lanter und Stadtpfarrer Alfred Stüdle feierlich eingeweiht. Nach einem zeitgenössischen Bericht des «Wiler Boten» wohnten der Prozession und Feier weit über 1000 Menschen aus der Umgebung bei, überraschend schön sei die Grotte geschmückt gewesen. «Hunderte brave, fleissige Hände hatten tagelang gearbeitet, um das Festchen würdevoll und sinnig zu gestalten, nach aussen wie nach innen», heisst es im Artikel.
Laut Paul Lengg wurde zur 30-Jahr-Feier der Grotte am Rosenkranzfest 1941 ein kleiner Glockenturm mit einem von der Gemeinde Rickenbach gestifteten Glöcklein aufgestellt. Lange Zeit blieb unklar, wer der eigentliche Besitzer des «Gröttlis» war, denn ein Grundbucheintrag fehlte. Nachdem in den 60er-Jahren während eines Gewitters eine Tanne nur knapp neben ein Wohnhaus stürzte, befasste sich die Ortsgemeinde Wilen mit der Stätte. Damals wurde beschlossen, die Aufsicht über die Grotte der Katholischen Kirchgemeinde Wil zu übertragen. Ebenfalls zu dieser Zeit wurden anstelle der alten, einfachen Kniebänke neue Sitzgelegenheiten angebracht.

Text: Martin Meier (22. Juli 2005)

Grotte_heute

100 Jahre Lourdesgrotte Wilen (1911-2011)

2011 durften wir 100 Jahre Lourdesgrotte Wilen feiern. Aus diesem Grund haben wir uns nochmals intensiv mit der Geschichte unserer Grotte auseinandergesetzt: